Montag, 15. Juli 2013

A fairy tale

Ich will euch ein Märchen erzählen. Ihr steht doch auf Märchen oder? Ihr macht den Eindruck als würdet ihr auf Mädchen stehen. Ihr erzählt doch den ganzen Tag nichts als Märchen, oder? Hab ich recht?
Also. Es war einmal ein Mädchen.
Ein ganz normales, kleines Mädchen. Kein wohlhabens Mädchen. Kein besonderes Mädchen, nein. Sie war ganz normal. Ein Mädchen, welches allen euren weisen Geschichen glauben schenke. Ein Mädchen, welches sich nicht traute sich euch zu widersetzen. Im Gegenteil, sie tat als das, was ihr von dem Mädchen verlangt habt. All euren Anweisungen folgte sie stets. Sie war genau so wie ihr euch sie aufgebaut habt. Ihr habt sie aus verschiedenen Bausteinen zusammengesetzt. Sie hatte kein Mitspracherecht. Alles wurde über ihren Kopf hinweg entschieden.
Aber das störte das Mädchen nicht. Nein. Sie kannte ja nichts anderes.
Doch irgendwann versuchte das Mädchen auszubrechen. Sie hatte mit dem Alter dazugelernt. Ihr Herz war schon längst zerbrochen. Oft genug wurde sie verstoßen. Wenn sie in den Spiegel sah dann war klar: So wie das Mädchen war, so wollte sie nicht sein. Es entsprach zwar euren Vorstellungen, aber nicht ihren.
Und so hatte sie sich in den Kopf gesetzt all euren Regeln zutrotzen und sie selbst zu sein. Sie wollte sich endlich verwirklichen. Das Mädchen wollte nicht mehr sein wie ihr sie haben wolltet.
Also stumpfte sie völlig ab. Ignorierte eure Worte, eure Taten und machte was sie wollte. Sie tauschte ihr Kleidchen gegen zerrissene Hosen ein. Sie schnitt und färbte sich ihr einst so goldblondes, langes Haar. Sie hörte auf zu essen und verlor allen Respekt gegenüber ihrer Mitmenschen.
Natürlich gefiel euch das nicht. Ihr konntet nicht mit ansehen wie sie sich so verunstalte. Was sollen denn auch die Leute von der gesitteten Familie denken? Ihr habt eure Tochter nicht im Griff. Sie hat schlechte Erziehung erfahren. Sie ist anders. Sie ist falsch. Ein abscheulicher Gedanke, nicht? Das konntet und das wolltet ihr auf keinen Fall akzeptieren.
Wie handeltet ihr also? Ganz einfach, ihr sperrtet das Mädchen in einen Turm. Ganz oben. Ihr habt die Türen fest verriegelt.
Und so saß sie Tag für Tag dort oben. Eingesperrt in einer kleinen Kammer. Niemand von euch schaut auch nur einmal nach ihr. Wie es ihr erging wusste niemand, denn ihr habt nie nachgefragt. Ihr habt sie dort oben vergessen. Aber ihr hab noch etwas vergessen. Ihr habt vergessen das kleine Fenster in ihrer Kammer zuschließen vor dem das Mädchen nun jeden Tag hockt. Vermutlich wäre sie längst gesprungen wenn sie nicht noch eine kleines Fünkchen Hoffnung in euch Menschen steckt. Wie oft hatte sie schon auf dem schmalen Fensterbrett gestanden? Unter ihr die endlos tiefe Schlucht. Aber sie ist nie gesprungen. Vielleicht öffnet ihr ja irgendwann mal jemand die Tür. Was für ein naives Mädchen.
Manchmal hört man sie wimmern. Manchmal hört man sie weinen. Aber ihr werdet nicht auf die Idee kommen nach ihr zu schauen. Sie ist doch anders. Sie ist falsch. Sie lebt nicht nach euren Vorstellungen. Ihr wollt ihr nicht mehr in die Augen schauen. Ihr habt sie verstoßen.
Ihr wisst mit welchem Satz all diese Märchen in Büchern enden. Und wenn sie nicht gestorben ist, dann lebt sie noch heute. Ihr kennt diesen Satz, hab ich recht? Aber das Mädchen lebt schon längst nicht mehr. Sie exestiert nur noch. Weil sie die Hoffnung nicht aufgegeben hat. Ihr habt dem Mädchen das Leben genommen, aber sie hat sich ihr Leben noch nicht genommen. Ihr habt sie kaputt gemacht. Ihr habt sie eingesperrt, aber sie gibt euch noch eine Chance. Eine Chance, die ihr niemals nutzen werdet. Ihr habt sie umgebracht.
Welcher Schlussatz würde also besser passen, als: "Das Mädchen war einmal"

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