-Dort weiß niemand wer ich bin. Niemand kennt mich. Also kann auch niemand etwas mit mir in Verbindung bringen
Sie schlurzt. Wir weinen. Beide.
"Komm mal her"
Wir umarmen uns. Schon lang habe ich sie nicht mehr im Arm gehabt. Nähe haben wir beide immer abgelehnt. Das haben wir gemeinsam. Doch jetzt umarmen wir uns. Das ist nötig.
Ich verspüre ein komisches, unbekanntes Gefühl. Zu ersten Mal seit langem habe ich das Gefühl ich hätte genug Vertrauen um ihr die Geschichte zu erzählen.
-Kann ich dir was zeigen? Kann ich es dir zeigen und es bleibt bei dir?
"Natürlich"
Ich deute auf meinen Arm. Zittere.
-Weißt du was unter diesem Armband steckt?
"Nein"
Langsam fange ich an es abzuwickeln. Ganz langsam. Mit zitterden Finger. Und dann liegen sie frei. Die ganzen Narben. Fast alle verblasst und doch so deutlich zu erkennen.
"Leni"
Sie flüstert meinen Namen ganz leise. Dann weint sie noch mehr und auch ich weine. Sie greift nach meinem Arm. Sieht sich die Narben genauer an. Ich sehe weg. Kann nicht hinsehen.
"Warum hast du das gemacht?"
-Ich war so wütend. Ich wollte etwas spüren. Ich war so leer und so wütend.
"Du musst das nicht tun"
-Ich habs nicht mehr getan. Schon lang nicht mehr.
"Gut"
Erneute Umarmung. Sie weint. Wegen mir.
-Jeder der ein Stück von dem erfährt was mit mir los ist, der sagt ich soll mit Hilfe holen. Sie geben mir Nummern von Psychologen. Von Kliniken. Sie sagen wenn ich nichts machen, dann melden sie mich bei Jugendamt. Aber ich will das nicht. Verstehst du das? Ich kann nicht mit jemandem reden, der mich nicht kennt.
"Das verstehe ich. Und du musst nicht zum Psychologen oder in eine Klinik wenn du das nicht willst."
-Ich habe Angst
"Wovor hast du Angst?"
-Das mich alle Allein lassen. Soviel Menschen sind schon gegangen. Ich habe Angst, dass die letzten wichtigen Personen in meinem Leben auch noch gehen. Ich muss gut genug sein. Ich darf sie nicht verlieren.
"Du bist gut genug. Du bist nicht Schuld daran das die Menschen gegangen sind"
-Ich bin so kalt geworden. Ich war noch nie gut genug
"Du darfst auch mal Schwäche zeigen"
-Dir gegenüber darf ich das. Den anderen nicht. Ich muss gut genug für jeden sein. Und jeder verlangt was anderes.
"Du kannst du doch gar nicht schaffen! Hör auf! Du musst du selbst sein!"
-Ich bin schlecht
"Nein"
-Doch ich hab sie alle verloren. Weil ich zu schlecht war. Ich muss jetzt stark sein.
Mein Körper versteift sich. Ich muss jetzt aufhören zu weinen. Sie auch. Ich muss lächeln. Ich muss gut genug sein.
"Du bist stark. Du bist so eine starke Persönlichkeit, Leni. Du darfst dich nicht kaputt machen lassen"
Ich wische mir die Tränen aus dem Gesicht. Atme durch. Binde mein Bandana wieder um mein Handgelenk. Fest. Kopf hoch. Rücken gerade. Lächeln. Stark sein. So sitz ich da. Strahle sie an.
-Hör auf zu weinen. Du brauchst nicht weinen.
"Doch, du machst dich kaputt"
-Alles in Ordnung. Wein nicht mehr.
Sie starrt mich an.
-Wirklich mir geht es gut.
Ich lächle.
"Lüg mich nicht an"
Ein Schmerz durchzuckt meinen Körper. Ich darf nicht wieder weinen. Drücke meine Fingernägel in meinen Oberschenkel. Kratze in auf. Sie sieht es nicht. Sei stark. Sei gut genug.
-Ich sage die Wahrheit es geht mir gut. Hör jetzt auf zu weinen. Ich will nicht mehr weinen.
"Ich will dir helfen"
-Mir hilft es am meisten wenn du lachst. Hör auf zu weinen. Bitte.
Kralle mich wieder in meinem Oberschenkel fest. Suche Halt darin. Sie fängt an zu grinsen. Trotzdem weint sie.
-Nicht weinen, einfach nur lachen. Das war so ein schöner Abend. Lass uns lachen.
"Ich lache"
Sie lacht tatsächlich. Auch ich muss lachen. Nehme sie in den Arm. Wir kriegen uns kaum wieder ein.
"Ich lass dich nicht alleine. Ich bleibe bei dir. Für immer"
-Versprochen?
"Versprochen"
Ich lächle. Ich kann ihr nicht glauben.
-Weißt du? Du kennst jetzt einen großen Teil von meiner Geschichte. Aber das war nur die Hälfe. Niemand weiß alles. Und niemand wird alles erfahren. Wenn du die andere Häfte wüsstest, würdest du auch gehen.
"Ich hab dir versproche das ich bleibe"
-Du kennst ja auch nur die eine Hälfe.
"Ich bleibe auch wenn du mir alles erzählt hast"
-Sag das nicht. Ich weiß du würdest gehen.
"Wieso versuchst du es nicht einfach?"
-Ich habe Angst.
"Ich bleibe"
-Nein.
Danach wurde das Thema totgeschwiegen. Niemand von uns verlor auch nur noch ein Wort darüber.
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